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Andreas Pichler + Valerio B. Moser = Miramontefilm

 

 

„Es geht darum, das Kleine universal zu machen“

Die Filmemacher Andreas Pichler und Valerio B. Moser gründeten im Jahr 2005 die Bozner Produktionsfirma Miramontefilm. Beide kennen sich seit vielen Jahren, haben zusammen die Schule für Fernsehen und Film Zelig in Bozen im ersten Ausbildungszyklus Anfang der 1990er Jahre besucht und drehen, schreiben, produzieren seither mit Leidenschaft Dokumentarfilme für Kino und TV, im südtiroler aber auch im europäischen Kontext, gestalten Kunstprojekte, Werbefilme. Sie sind ein eingespieltes Team und kennen sich so gut wie ihre Westentasche. Tatsächlich? Andreas Pichler und Valerio B. Moser im Kreuzinterview mit Angelika König und Antonella Arseni

Andreas Pichler, Sie sind der Regisseur und Autor bei Miramonte, Valerio B. Moser kümmert sich um die Produktion. Was kann Valerio B. Moser gut? Was gar nicht?

Andreas Pichler: Was Valerio sehr gut kann, ist die Projekte von ihrer verwaltungstechnischen Seite zusammenzuhalten. Die Ziffern stimmen am Ende und er schaut darauf, dass wir am Ende gut dastehen. Wir hatten schon Projekte, wo sehr wenig Geld da war, und hier einen Partner zu haben, der weiß, wo er aufpassen muss, wie weit wir gehen können, das ist schon unheimlich wichtig. Als Gesprächspartner für Projekte ist er natürlich auch wichtig, im Vorfeld diskutieren wir viel. Was er nicht so gut kann, ist Rohschnitte zu beurteilen, finde ich. Im Vorfeld finde ich sein Feedback unheimlich wichtig, aber wenn es um Rohschnitte geht, dann kann ich nicht viel mit dem anfangen, was du mir sagst (lacht).

È Lei Valerio B. Moser, cosa dice di Andreas Pichler, dopo questa collaborazione che dura più di 15 anni?

Valerio B. Moser: Io sono contentissimo della regia, dello stile di regia di narrare argomenti anche molto complessi, con una correttezza che io ammiro molto. Andi cerca di arrivare al nocciolo della questione tenendosi il più fuori possibile e dandosi comunque un suo stile alla ricerca che fa. Cosa non mi piace è…che è molto leone. Lui apprezza l’ammirazione di tutto il mondo. A me invece mi piace avere gente che il nostro film non piace… Invece Andreas vuole un consenso universale per quello che fa.

Andreas Pichler:  Also ich komme nicht damit zurecht, wenn mich jemand kritisiert, meinst du?

Valerio B. Moser: Si, te la prendi troppo, si vede proprio che soffri.

Andreas Pichler, der rote Faden, der sich durch Ihre Filme zieht, sind gesellschaftliche Umbrüche wie auch der Umgang mit der Natur. Da sind z.B. „Call me Babylon“ aus dem Jahr 2003, „Die Lithium Revolution“, „Ausverkauf Europa“, Dokumentarfilme, die ausgezeichnet wurden, auch wegen der gründlichen Recherche. Welcher rote Faden zieht sich durch Valerios Projekte und Produktionen?

Andreas Pichler: Wir sind uns da relativ ähnlich, sonst wären wir wahrscheinlich nicht so lange zusammen. Aber Valerio hat eine besondere Sensibilität, wenn es um Zweisprachigkeit geht, um Interethnizität, um Minderheitenthemen. Das hat auch sicherlich mit seiner eigenen Geschichte zu tun, er ist zweisprachig aufgewachsen. Da merke ich immer, dass seine Augen anfangen zu leuchten, wenn es um diese Themen geht.

Valerio B. Moser, Sie haben Ende der 1990er Jahre den Film „Stichwort Zweisprachigkeit“ gedreht. Derzeit wird in Südtirol wieder viel über mehrsprachige Schulen diskutiert. Hat sich in der Diskussion etwas verändert, oder sind wir noch da, wo wir Ende der 1990er Jahre standen.

Valerio B. Moser: Ich glaube, wir stehen noch da, wo wir damals waren. Heute sehe ich die Diskussion aber etwas anders, aus einer anderen Warte, ich bin Vater und sehe das Schulsystem jetzt anders. Meiner Meinung nach ist es weniger ein Problem des Erlernens einer Sprache, als ein Problem der Erwartungshaltung der Eltern. Ich höre von enttäuschten Eltern, die ihre Kinder monolingual aufziehen, und sich wundern, wenn ihre Kinder in der vierten Grundschule noch kein deutsch sprechen. Es hängt weniger mit dem zusammen, was Kinder leisten, als vielmehr was sich Eltern erwarten. Zudem frage ich mich in dem Zusammenhang: Ist die zweite Sprache nur da, um sozial integriert zu sein, besser zu verdienen – oder gibt es auch andere Gründe?

In tutti questi anni di collaborazione, Valerio B. Moser, c’è un progetto, una produzione che Le sta più al cuore che altri?

Valerio B. Moser: Sicuramente la tematica del turismo di massa. È il primo film che abbiamo coprodotto, “Le mie tre cime” (“Meine drei Zinnen”), un approccio molto personale del regista, di Andreas Pichler, alla tematica. Ne racconta di uno sfruttamento di un monumento naturale come sono le tre cime, ed è un tema che si ripeta anche in “Teorema Venezia”. Un filo rosso.

Andreas Pichler: Ja, das “Venedig Prinzip” läuft heute noch in einigen Städten, ganze Gemeinderäte schauen sich den Film an, in Amsterdam, in Barcelona…weil das Thema Massentourismus in urbanen Räumen viele betrifft, und es nicht nur darum geht, soviel Geld wie möglich zu machen. Wenn du einmal eine Struktur zerstört hast, dann lässt sie sich auch nicht mehr herstellen. Das ist sicher ein zentrales Thema, das uns immer wieder beschäftigt. Wahrscheinlich weil wir hier aufgewachsen sind. Es ist zwar jetzt auch so, dass wir kleinere Werbefilme für die IDM machen, für Südtirol, aber das war auch ein größerer Prozess. Den Tourismus zu leugnen, oder zu sagen, den Tourismus wollen wir nicht, wäre ja utopisch. Ich bin jetzt viel in Südtirol unterwegs und der Reichtum, den wir haben, der wäre ohne Tourismus nicht möglich. Ich kenne viele tolle Projekte, alternative Projekte, die könnten alle nicht überleben, wenn es nicht den Tourismus gäbe. Und deshalb ist unser Blick jetzt auch differenzierter, es gibt Tourismus und Tourismus. Das habe ich gelernt, von „Meine drei Zinnen“, über „Venedig Prinzip“ zu heute.

Quale era il vostro progetto più difficile, dove era difficile trovare un consenso fra di voi, dove avete litigato?

Valerio B. Moser: Litigato, no, questo mai. Discussioni sì, ma litigato – mai. Io devo dire che i progetti più difficili erano quelli dove ho lavorato con registi che non erano Andreas. Erano quasi sempre progetti di low budget, di giovani registi, dove abbiamo fatto molti compromessi – e guadagnato quasi niente.

Andreas Pichler: Ja, das gehört auch zu unserer Unternehmensphilosophie. Es gibt meine Projekte, es gibt Valerios Projekte, es gibt unsere Projekte, aber es war immer schon ein Anliegen, anderen Filmemachern, südtiroler Filmemachern eine Plattform zu bieten, soweit es unsere Zeit zulässt. Wie z.B. der Film „Nadja & Svetla“ von Maura Delpero. Wir haben den Film sogar initiiert, über badanti, das war ein Film, wo es unglaublich schwierig war die nötigen Gelder aufzutreiben, niemand hat daran einen Cent verdient, das bisschen Geld ging dann in die Produktion. Aber wir fanden es wichtig, dass ein Film über die ausländischen Pflegerinnen gemacht wird. Dass so ein Film dann in Italien relativ gut lief und auch einige Preise gewonnen hat, das ist dann natürlich gut.

Ihr arbeitet ja viel im europäischen Kontext. Der jüngste Film, der in Kürze zu sehen sein wird heißt „Der vierte Kontinent“, über das Haus der Solidarität in Brixen. Dieser Film wird von Südtirol gefördert, aber auch von Deutschland koproduziert. Ist diese kleine Realität in Südtirol denn für den deutschen Filmmarkt interessant?

Andreas Pichler: Ja, die junge Produzentin Tanja … aus Leipzig ist sogar auf uns zugekommen, sie hatte in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel darüber gelesen und fand das Haus, und wie es funktioniert, eine spannende Sache. Bei diesen Projekten geht es schlussendlich immer darum, dass man das Kleine universal macht. Es geht darum, dass man eine gute Geschichte erzählt, die über die Landesgrenzen hinausgeht. Das war immer unser Anspruch bei solchen Projekten. Das ist überhaupt das um und auf beim Dokumentarfilm, dass man gute Geschichten erzählt, die universal sind, jenseits des thematischen Interesses. Am Ende möchten wir gute Geschichten erzählen, vielleicht sogar bessere als in Spielfilmen (schmunzelt).

Tra 10 anni, come vi vedete? A che temi vi lancerete?

Valerio B. Moser: Io non sono un grande pianificatore, vado molto a vista. Però attualmente c`è un tema che ci interessa molto, ed è quello del pubblico e del privato. Che ruolo ha il pubblico oggi nella nostra società? Tutti ne parlano male, sono delusissimi di questi sistemi pubblici, come se fossero tutti dei ladri, dei criminali. Quindi questa grande crisi d’ identità del pubblico e quanto guadagna poi il privato di questa crisi, stiamo lavorando su un progetto in questa direzione…

Andreas Pichler: Grundsätzlich sind Dokumentarfilmer immer nach vorne gerichtet, also: Wo gehen wir hin, wie entwickelt sich unsere Gesellschaft? Was für ein Leben wollen wir? Diese Fragen stecken immer in all unseren Projekten. Themenmäßig ist das eine Linie, die wir verfolgen. Als Firma haben wir schon mehrere Phasen hinter uns. Wir haben begonnen, bevor es eine Filmförderung gab in Südtirol, da war es für uns immer essentiell im Netzwerk zu arbeiten, in europäischen Koproduktionen. Wir waren dann oft die kleinen Mitproduzenten, obwohl wir die Idee hatten. Aber wir hatten eben nur wenig Geld. Mit der Filmförderung geht das jetzt etwas besser. Wir hatten auch bereits Angestellte, Leute, die für uns gearbeitet haben, aber meistens waren wir zu zweit. Wir haben dann vor zwei Jahren beschlossen, dass wir nicht größer wachsen möchten. Valerio war das ein großes Anliegen, weil er vielleicht nicht so gerne delegiert (lacht)?

Valerio B. Moser: Nein, wegen der positiven Chemie…la chimica positiva di Miramonte è il lavoro a due. Ingrandirsi significherebbe portare altro capitale umano, perché noi due siamo già al limite. C’è stato un periodo dove cercavamo un possibile terzo socio però non ci convinceva, non siamo riusciti a trovare una terza persona che sia in grado di entrare in un nucleo a due già cosi consolidato. E poi sono anche un po’ fifone, non mi piacerebbe fare dei compromessi, fare delle cose per creare volume di soldi che non ne siamo poi tanto convinti.

Al filmfestival di Bolzano ci sarà uno spazio dedicato a voi, alla vostra ditta di produzione Miramonte, che è molto importante per L’ Alto Adige. I film che verranno progettati sono film degli primi anni della vostra ditta. Qual è vostro film documentario più preferito?

Andreas Pichler: Aus der Miramonte Produktion ist das sicherlich “Das Venedig Prinzip”, weil er mit einem unserer zentralen Themen, dem Tourismus, zu tun hat, weil er in Italien und außerhalb gut lief und beim Publikum gut angekommen ist. Darüber hinaus: Einer der Filme, der mich am stärksten geprägt hat ist „Le mepris“ von Jean Luc Godard. Godard überhaupt hat mich sehr geprägt, während meiner Studienzeit und auch jetzt als Filmemacher.

Valerio B. Moser: À me piacciono le commedie sinceramente. Mi piacciono anche i “Kammerspiele”, questi drammoni americani tipo il conflitto padre figlio, la gatta sul tetto che scotta, quello stile li. Anche la commedia britannica mi piace tantissimo, il mio attore preferito è Peter Sellers.

Das Kino hat in Italien eine große Tradition. In welche Richtung geht der italienische Film derzeit?

Andreas Pichler:  Ich arbeite derzeit an einem Film über “Baumi”, dem südtiroler Produzenten Karl Baumgartner, und dieser Film geht auch der Frage nach, in welche Richtung sich das Filmgeschehen, das Kino entwickelt, generell. Auf Italien bezogen ist es so, dass es extrem wenige Produktionen gibt, jetzt im Vergleich zu Deutschland. Aber diese sind sehr gut. Ich liebe Sorrentino, Garrone, das sind tolle Leute und ich glaube, das Feeling für das Kino ist in Italien sehr stark, das Handwerk ist gut. Aber die Produktionsstrukturen sind ein Desaster, darunter leiden auch wir als Produktionsfirma, weil es extrem schwierig ist, zu Geld zu kommen. Das ist eine echte Tragödie. Generell beobachte ich, und das ist vielleicht auch interessant für Bozen, dass sich die Festivallandschaft vom Publikum trennt. Meistens laufen die Preisträgerfilme von Festivals nicht gut im Kino – und das teilweise zu Recht, weil sie oft zu abgehoben, zu anstrengend sind.  Es gibt immer wieder tolle Ausnahmen, wie der deutsche Film Toni Erdmann z.B.. Aber ich finde die Diskrepanz zwischen den Filmen, die auf den großen Festivals laufen, und die dort Preise gewinnen und den Filmen, wo das Publikum hingeht immer größer. Die Deutschen sagen, dass Arthousefilme, also das was wir als gutes Kino bezeichnen, sehr schwierig sind, kein Publikum finden. Aber insgesamt sind die Zahlen im Kino super, die Leute gehen ins Kino, nur schauen sie sich eben andere Filme an. Da müssten die Produzenten mehr ans Publikum denken. Oder man macht das wie das Theater, man schaut gar nicht auf die Publikumszahlen und produziert für das Festival. Im Dokumentarfilmbereich ist es da etwas anders, der Dokumentarfilm war in Mitteleuropa noch nie so populär, wie im Moment.

Non farete mai un film fiction?

Valerio B. Moser: Dipende in che ruolo.

Andreas Pichler: Come attore?

Valerio B. Moser (lacht): La curiosità c’è! Come produttore no, questo no, ma come attore…

Grazie, Danke für das Gespräch!

„Es geht darum, das Kleine universal zu machen“

Die Filmemacher Andreas Pichler und Valerio B. Moser gründeten im Jahr 2005 die Bozner Produktionsfirma Miramontefilm. Beide kennen sich seit vielen Jahren, haben zusammen die Schule für Fernsehen und Film Zelig in Bozen im ersten Ausbildungszyklus Anfang der 1990er Jahre besucht und drehen, schreiben, produzieren seither mit Leidenschaft Dokumentarfilme für Kino und TV, im südtiroler aber auch im europäischen Kontext, gestalten Kunstprojekte, Werbefilme. Sie sind ein eingespieltes Team und kennen sich so gut wie ihre Westentasche. Tatsächlich? Andreas Pichler und Valerio B. Moser im Kreuzinterview mit Angelika König und Antonella Arseni für die Südtiroler Tageszeitung

Andreas Pichler, Sie sind der Regisseur und Autor bei Miramonte, Valerio B. Moser kümmert sich um die Produktion. Was kann Valerio B. Moser gut? Was gar nicht?

Andreas Pichler: Was Valerio sehr gut kann, ist die Projekte von ihrer verwaltungstechnischen Seite zusammenzuhalten. Die Ziffern stimmen am Ende und er schaut darauf, dass wir am Ende gut dastehen. Wir hatten schon Projekte, wo sehr wenig Geld da war, und hier einen Partner zu haben, der weiß, wo er aufpassen muss, wie weit wir gehen können, das ist schon unheimlich wichtig. Als Gesprächspartner für Projekte ist er natürlich auch wichtig, im Vorfeld diskutieren wir viel. Was er nicht so gut kann, ist Rohschnitte zu beurteilen, finde ich. Im Vorfeld finde ich sein Feedback unheimlich wichtig, aber wenn es um Rohschnitte geht, dann kann ich nicht viel mit dem anfangen, was du mir sagst (lacht).

È Lei Valerio B. Moser, cosa dice di Andreas Pichler, dopo questa collaborazione che dura più di 15 anni?

Valerio B. Moser: Io sono contentissimo della regia, dello stile di regia di narrare argomenti anche molto complessi, con una correttezza che io ammiro molto. Andi cerca di arrivare al nocciolo della questione tenendosi il più fuori possibile e dandosi comunque un suo stile alla ricerca che fa. Cosa non mi piace è…che è molto leone. Lui apprezza l’ammirazione di tutto il mondo. A me invece mi piace avere gente che il nostro film non piace… Invece Andreas vuole un consenso universale per quello che fa.

Andreas Pichler:  Also ich komme nicht damit zurecht, wenn mich jemand kritisiert, meinst du?

Valerio B. Moser: Si, te la prendi troppo, si vede proprio che soffri.

Andreas Pichler, der rote Faden, der sich durch Ihre Filme zieht, sind gesellschaftliche Umbrüche wie auch der Umgang mit der Natur. Da sind z.B. „Call me Babylon“ aus dem Jahr 2003, „Die Lithium Revolution“, „Ausverkauf Europa“, Dokumentarfilme, die ausgezeichnet wurden, auch wegen der gründlichen Recherche. Welcher rote Faden zieht sich durch Valerios Projekte und Produktionen?

Andreas Pichler: Wir sind uns da relativ ähnlich, sonst wären wir wahrscheinlich nicht so lange zusammen. Aber Valerio hat eine besondere Sensibilität, wenn es um Zweisprachigkeit geht, um Interethnizität, um Minderheitenthemen. Das hat auch sicherlich mit seiner eigenen Geschichte zu tun, er ist zweisprachig aufgewachsen. Da merke ich immer, dass seine Augen anfangen zu leuchten, wenn es um diese Themen geht.

Valerio B. Moser, Sie haben Ende der 1990er Jahre den Film „Stichwort Zweisprachigkeit“ gedreht. Derzeit wird in Südtirol wieder viel über mehrsprachige Schulen diskutiert. Hat sich in der Diskussion etwas verändert, oder sind wir noch da, wo wir Ende der 1990er Jahre standen.

Valerio B. Moser: Ich glaube, wir stehen noch da, wo wir damals waren. Heute sehe ich die Diskussion aber etwas anders, aus einer anderen Warte, ich bin Vater und sehe das Schulsystem jetzt anders. Meiner Meinung nach ist es weniger ein Problem des Erlernens einer Sprache, als ein Problem der Erwartungshaltung der Eltern. Ich höre von enttäuschten Eltern, die ihre Kinder monolingual aufziehen, und sich wundern, wenn ihre Kinder in der vierten Grundschule noch kein deutsch sprechen. Es hängt weniger mit dem zusammen, was Kinder leisten, als vielmehr was sich Eltern erwarten. Zudem frage ich mich in dem Zusammenhang: Ist die zweite Sprache nur da, um sozial integriert zu sein, besser zu verdienen – oder gibt es auch andere Gründe?

In tutti questi anni di collaborazione, Valerio B. Moser, c’è un progetto, una produzione che Le sta più al cuore che altri?

Valerio B. Moser: Sicuramente la tematica del turismo di massa. È il primo film che abbiamo coprodotto, “Le mie tre cime” (“Meine drei Zinnen”), un approccio molto personale del regista, di Andreas Pichler, alla tematica. Ne racconta di uno sfruttamento di un monumento naturale come sono le tre cime, ed è un tema che si ripeta anche in “Teorema Venezia”. Un filo rosso.

Andreas Pichler: Ja, das “Venedig Prinzip” läuft heute noch in einigen Städten, ganze Gemeinderäte schauen sich den Film an, in Amsterdam, in Barcelona…weil das Thema Massentourismus in urbanen Räumen viele betrifft, und es nicht nur darum geht, soviel Geld wie möglich zu machen. Wenn du einmal eine Struktur zerstört hast, dann lässt sie sich auch nicht mehr herstellen. Das ist sicher ein zentrales Thema, das uns immer wieder beschäftigt. Wahrscheinlich weil wir hier aufgewachsen sind. Es ist zwar jetzt auch so, dass wir kleinere Werbefilme für die IDM machen, für Südtirol, aber das war auch ein größerer Prozess. Den Tourismus zu leugnen, oder zu sagen, den Tourismus wollen wir nicht, wäre ja utopisch. Ich bin jetzt viel in Südtirol unterwegs und der Reichtum, den wir haben, der wäre ohne Tourismus nicht möglich. Ich kenne viele tolle Projekte, alternative Projekte, die könnten alle nicht überleben, wenn es nicht den Tourismus gäbe. Und deshalb ist unser Blick jetzt auch differenzierter, es gibt Tourismus und Tourismus. Das habe ich gelernt, von „Meine drei Zinnen“, über „Venedig Prinzip“ zu heute.

Quale era il vostro progetto più difficile, dove era difficile trovare un consenso fra di voi, dove avete litigato?

Valerio B. Moser: Litigato, no, questo mai. Discussioni sì, ma litigato – mai. Io devo dire che i progetti più difficili erano quelli dove ho lavorato con registi che non erano Andreas. Erano quasi sempre progetti di low budget, di giovani registi, dove abbiamo fatto molti compromessi – e guadagnato quasi niente.

Andreas Pichler: Ja, das gehört auch zu unserer Unternehmensphilosophie. Es gibt meine Projekte, es gibt Valerios Projekte, es gibt unsere Projekte, aber es war immer schon ein Anliegen, anderen Filmemachern, südtiroler Filmemachern eine Plattform zu bieten, soweit es unsere Zeit zulässt. Wie z.B. der Film „Nadja & Svetla“ von Maura Delpero. Wir haben den Film sogar initiiert, über badanti, das war ein Film, wo es unglaublich schwierig war die nötigen Gelder aufzutreiben, niemand hat daran einen Cent verdient, das bisschen Geld ging dann in die Produktion. Aber wir fanden es wichtig, dass ein Film über die ausländischen Pflegerinnen gemacht wird. Dass so ein Film dann in Italien relativ gut lief und auch einige Preise gewonnen hat, das ist dann natürlich gut.

Ihr arbeitet ja viel im europäischen Kontext. Der jüngste Film, der in Kürze zu sehen sein wird heißt „Der vierte Kontinent“, über das Haus der Solidarität in Brixen. Dieser Film wird von Südtirol gefördert, aber auch von Deutschland koproduziert. Ist diese kleine Realität in Südtirol denn für den deutschen Filmmarkt interessant?

Andreas Pichler: Ja, die junge Produzentin Tanja … aus Leipzig ist sogar auf uns zugekommen, sie hatte in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel darüber gelesen und fand das Haus, und wie es funktioniert, eine spannende Sache. Bei diesen Projekten geht es schlussendlich immer darum, dass man das Kleine universal macht. Es geht darum, dass man eine gute Geschichte erzählt, die über die Landesgrenzen hinausgeht. Das war immer unser Anspruch bei solchen Projekten. Das ist überhaupt das um und auf beim Dokumentarfilm, dass man gute Geschichten erzählt, die universal sind, jenseits des thematischen Interesses. Am Ende möchten wir gute Geschichten erzählen, vielleicht sogar bessere als in Spielfilmen (schmunzelt).

Tra 10 anni, come vi vedete? A che temi vi lancerete?

Valerio B. Moser: Io non sono un grande pianificatore, vado molto a vista. Però attualmente c`è un tema che ci interessa molto, ed è quello del pubblico e del privato. Che ruolo ha il pubblico oggi nella nostra società? Tutti ne parlano male, sono delusissimi di questi sistemi pubblici, come se fossero tutti dei ladri, dei criminali. Quindi questa grande crisi d’ identità del pubblico e quanto guadagna poi il privato di questa crisi, stiamo lavorando su un progetto in questa direzione…

Andreas Pichler: Grundsätzlich sind Dokumentarfilmer immer nach vorne gerichtet, also: Wo gehen wir hin, wie entwickelt sich unsere Gesellschaft? Was für ein Leben wollen wir? Diese Fragen stecken immer in all unseren Projekten. Themenmäßig ist das eine Linie, die wir verfolgen. Als Firma haben wir schon mehrere Phasen hinter uns. Wir haben begonnen, bevor es eine Filmförderung gab in Südtirol, da war es für uns immer essentiell im Netzwerk zu arbeiten, in europäischen Koproduktionen. Wir waren dann oft die kleinen Mitproduzenten, obwohl wir die Idee hatten. Aber wir hatten eben nur wenig Geld. Mit der Filmförderung geht das jetzt etwas besser. Wir hatten auch bereits Angestellte, Leute, die für uns gearbeitet haben, aber meistens waren wir zu zweit. Wir haben dann vor zwei Jahren beschlossen, dass wir nicht größer wachsen möchten. Valerio war das ein großes Anliegen, weil er vielleicht nicht so gerne delegiert (lacht)?

Valerio B. Moser: Nein, wegen der positiven Chemie…la chimica positiva di Miramonte è il lavoro a due. Ingrandirsi significherebbe portare altro capitale umano, perché noi due siamo già al limite. C’è stato un periodo dove cercavamo un possibile terzo socio però non ci convinceva, non siamo riusciti a trovare una terza persona che sia in grado di entrare in un nucleo a due già cosi consolidato. E poi sono anche un po’ fifone, non mi piacerebbe fare dei compromessi, fare delle cose per creare volume di soldi che non ne siamo poi tanto convinti.

Al filmfestival di Bolzano ci sarà uno spazio dedicato a voi, alla vostra ditta di produzione Miramonte, che è molto importante per L’ Alto Adige. I film che verranno progettati sono film degli primi anni della vostra ditta. Qual è vostro film documentario più preferito?

Andreas Pichler: Aus der Miramonte Produktion ist das sicherlich “Das Venedig Prinzip”, weil er mit einem unserer zentralen Themen, dem Tourismus, zu tun hat, weil er in Italien und außerhalb gut lief und beim Publikum gut angekommen ist. Darüber hinaus: Einer der Filme, der mich am stärksten geprägt hat ist „Le mepris“ von Jean Luc Godard. Godard überhaupt hat mich sehr geprägt, während meiner Studienzeit und auch jetzt als Filmemacher.

Valerio B. Moser: À me piacciono le commedie sinceramente. Mi piacciono anche i “Kammerspiele”, questi drammoni americani tipo il conflitto padre figlio, la gatta sul tetto che scotta, quello stile li. Anche la commedia britannica mi piace tantissimo, il mio attore preferito è Peter Sellers.

Das Kino hat in Italien eine große Tradition. In welche Richtung geht der italienische Film derzeit?

Andreas Pichler:  Ich arbeite derzeit an einem Film über “Baumi”, dem südtiroler Produzenten Karl Baumgartner, und dieser Film geht auch der Frage nach, in welche Richtung sich das Filmgeschehen, das Kino entwickelt, generell. Auf Italien bezogen ist es so, dass es extrem wenige Produktionen gibt, jetzt im Vergleich zu Deutschland. Aber diese sind sehr gut. Ich liebe Sorrentino, Garrone, das sind tolle Leute und ich glaube, das Feeling für das Kino ist in Italien sehr stark, das Handwerk ist gut. Aber die Produktionsstrukturen sind ein Desaster, darunter leiden auch wir als Produktionsfirma, weil es extrem schwierig ist, zu Geld zu kommen. Das ist eine echte Tragödie. Generell beobachte ich, und das ist vielleicht auch interessant für Bozen, dass sich die Festivallandschaft vom Publikum trennt. Meistens laufen die Preisträgerfilme von Festivals nicht gut im Kino – und das teilweise zu Recht, weil sie oft zu abgehoben, zu anstrengend sind.  Es gibt immer wieder tolle Ausnahmen, wie der deutsche Film Toni Erdmann z.B.. Aber ich finde die Diskrepanz zwischen den Filmen, die auf den großen Festivals laufen, und die dort Preise gewinnen und den Filmen, wo das Publikum hingeht immer größer. Die Deutschen sagen, dass Arthousefilme, also das was wir als gutes Kino bezeichnen, sehr schwierig sind, kein Publikum finden. Aber insgesamt sind die Zahlen im Kino super, die Leute gehen ins Kino, nur schauen sie sich eben andere Filme an. Da müssten die Produzenten mehr ans Publikum denken. Oder man macht das wie das Theater, man schaut gar nicht auf die Publikumszahlen und produziert für das Festival. Im Dokumentarfilmbereich ist es da etwas anders, der Dokumentarfilm war in Mitteleuropa noch nie so populär, wie im Moment.

Non farete mai un film fiction?

Valerio B. Moser: Dipende in che ruolo.

Andreas Pichler: Come attore?

Valerio B. Moser (lacht): La curiosità c’è! Come produttore no, questo no, ma come attore…

Grazie, Danke für das Gespräch!