04.–13.04.2025

MASTERCLASS

Spiegel oder Hammer? Dokumentarische Praktiken und Feldforschung in Taiwan

Tsai Tsung Lung

09.04 / 9:30 Uhr @ ZeLIG

Dokumentarfilm ist mehr als nur die Aufzeichnung der Realität; er konstruiert Narrative, die informieren, herausfordern und das Publikum einbinden. Anders als das Drama, das kreative Freiheiten erlaubt, sind Dokumentarfilme in Vertrauen verankert und erfordern Integrität und Authentizität zwischen Filmemacher*in und Protagonist*in. Während Dokumentationen darauf abzielen, die Realität abzubilden, spiegeln sie nicht einfach die Wahrheit wider. Stattdessen verfolgen sie die Wahrheit durch gründliche Recherche, ethisches Erzählen und evidenzbasierte Subjektivität, indem sie objektive Fakten mit der Perspektive des/der Filmemacher/in in Einklang bringen und dabei Innovationen einbeziehen.

Anstatt die Realität nur zu spiegeln, dient der Dokumentarfilm als Hammer, der Wahrnehmungen formt und kritische Auseinandersetzung fördert. Der Film And Miles I Go Before I Sleep thematisiert komplexe gesellschaftliche Spaltungen, wie etwa die Gegenüberstellung von pro-migrantischen Arbeiterbewegungen und pro-polizeilichen Perspektiven, ethische Dilemmata bei geheimen Aufnahmen und im Schnitt sowie die Hinterfragung gängiger Dichotomien, um unser Verständnis sozialer Fragen zu vertiefen.

Dieser Film nutzt eine einzigartige narrative Struktur, die investigativen Journalismus mit einer Doppelachsen-Kontrastmethode kombiniert, um verschiedene Standpunkte darzustellen, und erforscht zugleich die menschliche Seele, indem er die emotionalen und psychologischen Dimensionen realer Kämpfe einfängt. Über das Thema der Migrantenarbeit hinaus untersucht Tsai Tsung-Lungs Werk die sich wandelnde Identität von Neueinwanderer*innen, die Erfahrungen chinesisch-taiwanischer Geschäftsleute, soziale Bewegungen und die Transformation von Einwanderungskulturen.

Sowohl das öffentliche Fernsehen als auch der unabhängige Dokumentarfilm bieten unterschiedliche Vor- und Nachteile. Während das öffentliche Fernsehen Ressourcen, Reichweite und institutionelle Unterstützung bereitstellt, ermöglicht der unabhängige Dokumentarfilm größere kreative Freiheit und investigative Tiefe, sieht sich jedoch finanziellen und logistischen Herausforderungen gegenüber.

Diese Masterclass beleuchtet den Dokumentarfilm kritisch sowohl als Spiegel als auch als Hammer – als Medium, das unsere Wahrnehmung der Realität formt und mitgestaltet. Begleiten Sie uns auf einer Erkundung von Wahrheit, Ethik und Innovation im dokumentarischen Schaffensprozess.

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